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Stöberhai: Harzer Horchposten lauschte in die DDR

Bad Lauterberg Volker Wille leistete zwölf Jahre lang Dienst auf dem Aufklärungsturm. Elf Jahre nach dem Abriss spricht er über seine einst strenggeheime Arbeit.

Von Melina Hose

12.10.2016 - 17:50 Uhr

Volker Wille durfte nie über seine Arbeit sprechen, weder mit Freunden und Bekannten, noch zu Hause mit seiner Ehefrau. Und dabei hätte er doch eine Menge spannende Dinge zu erzählen gehabt. Doch seine Tätigkeit war streng geheim. Wille leistete zwölf Jahre lang seinen Dienst auf dem Stöberhai als Oberfeldwebel für die elektronische Kampfführung (Eloka).

Im Aufgabenbereich des Stöberhai lag die Überwachung der Streitkräfte des Warschauer Pakts jenseits der innerdeutschen Grenze, im Besonderen der Waffensysteme der Truppenluftabwehr und der Luftstreitkräfte der Sowjets und der Luftverteidigung der NVA. So verfolgten die Aufklärer etwa die regelmäßigen Einsätze der sowjetischen Kampfflugzeuge, die in den 1980er Jahren oft aus Weißrussland über die Ostsee in die DDR einflogen und entlang der innerdeutschen Grenze Scheinangriffe auf deutsche Großstädte in der Bundesrepublik übten – sogar am Tag des Heiligen Abends.

„Das Interesse der Öffentlichkeit an der Fernmelde-Elektronischen Aufklärung dort scheint nicht mehr gegeben.“

Volker Wille, ehemals auf dem Stöberhai stationiert, über das Interesse daran

Und von ihrem Horchposten konnten die Bundeswehrsoldaten auch die Entwicklung in der Wendezeit mitverfolgen: „Wir bekamen alles mit, auch den Untergang der DDR von der ersten Stunde an, als stille Beobachter“, erinnert sich Wille. Es sei ein sehr schleichender Prozess gewesen. „Selbst im März 1990 ahnte von uns noch niemand, dass es mit der Wiedervereinigung so schnell gehen würde.“

Weil die Arbeit auf dem Stöberhai so geheim war, rief sie mitunter Misstrauen in der Bevölkerung hervor. So wurden die Mitarbeiter des Stöberhai, einem der fünf Aufklärungstürme der Bundeswehr beziehungsweise der Luftwaffe, auch schon mal plump als „Stasi-West“ bezeichnet, sagt Wille. Erst heute, elf Jahre nach dem Abriss des Aufklärungsturms kann der Herzberger sein Schweigen brechen und über seine Tätigkeit berichten – er will zugleich mit einigen Vorurteilen und Gerüchten aufräumen. „Entgegen der landläufigen Meinung ging es eben nicht um das Ausspionieren oder Abhorchen von Privatpersonen“, betont er.

Nie mit übler Nachrede gebrochen

Die ehemaligen Bediensteten hätten nie die Möglichkeit gehabt, auf negative Gerüchte zu reagieren. „Für uns war die Aufklärungsarbeit der Aktivitäten der Armeen der Warschauer Vertragsstaaten jenseits der innerdeutschen Grenze tägliches Brot und niemals durften wir über unsere Tätigkeit etwas erzählen“, erinnert er sich. Oft stellte das eine private Belastungsprobe – insbesondere für Beziehungen – dar. „Allerdings hatten wir einen sehr technischen Job. Die eine Ehefrau interessierte sich dafür, die andere nicht.“

Da er sich damals niemandem anvertrauen konnte, um seine Erlebnisse und Erfahrungen auf dem Stöberhai zu teilen, ärgert er sich heute umso mehr darüber, sie nicht aufgeschrieben zu haben, seien ihm doch während all der Jahre einige Erinnerungen „abhandengekommen“. Das betreffe besonders die Ereignisse, die in der Fernmeldeaufklärung in der 8. Etage ab März 1989 bis zum Jahreswechsel 1990 eingefangen wurden.

Ankündigung der Wende in DDR

Das Ereignis, das er selbst als Höhepunkt seiner Erlebnisse im Fernmeldesektor C bezeichnet, hat sich dagegen bis heute detailreich in sein Gedächtnis eingebrannt, es war vor der Grenzöffnung und der Wiedervereinigung Deutschlands. Im Frühjahr 1989 habe sich die Verlegung eines neuen Waffensystems der gegnerischen Streitkräfte am Standort Eckolstädt in Thüringen angekündigt, erinnert sich Wille. Entsprechende Vorbereitungen wurden in der Richtfunkaufklärung erkannt.

 

Fernschreiben mit Kommandierungen von Personal von der Ostsee vom Standort Sanitz nach Thüringen waren die Vorboten dieser Umrüstung. Militärisches Gerät wurde per Bahntransport in Richtung Eckolstädt gebracht. „Alle militärischen Gespräche mit den Bauausführungen liefen über diese Linie und zeigten uns den Fortschritt der Arbeiten.“

Jedoch zeigten die Prozesse der politischen Veränderungen in der DDR Auswirkung auf den Fortgang dieses Militärprojekts. Eine Bürgerinitiative hatte sich zu der Zeit vor dem Standort in Sömmerda, möglicherweise auch Eckolstädt, positioniert und verlangte Einlass. „Sowas gab es eigentlich nicht, aber die Soldaten konnten sich nicht dagegen wehren, dafür war der Wendeprozess schon zu weit vorangeschritten“, berichtet der heute 62-Jährige. „Wir bekamen alles in bester Qualität mit.“ Die Umrüstung der Waffensysteme gestaltete sich immer schwieriger, bis sie letzten Endes steckenblieben.

Erstaunlich sei für ihn jedoch bis heute, dass die Soldaten auf dem Stöberhai während der Grenzöffnung keinerlei Bewegung aufseiten der Sowjets verzeichneten. „Wir haben nichts Außergewöhnliches aufgezeichnet, es war absolut friedlich.“

Der Aufklärungsraum, den die Eloka überwachte, war unterteilt und wurde von insgesamt fünf Türmen abgedeckt, so dass jeder Aufklärungsturm an sich nur einen bestimmten Teil des Raumes erfassen konnte. „Es ging um militärische Dinge, darum, die Leistungsfähigkeit zum Beispiel von Flugplätzen zu erfassen und zu überwachen, oder darum, festzustellen, wie gut die jeweiligen Piloten und die Technik sind.“

Technische Aussendungen erfasst

Etwa 60 Prozent der Arbeit betraf die Erfassung technischer Aussendungen, wie stationäre Einrichtungen und Radarstellungen in der gesamten DDR. „Fast jedes Radargerät konnten wir wie einen Fingerabdruck erkennen und zuordnen.“ Eine Aufgabe in der Fernmeldeaufklärung war es unter anderem, Mehrkanalsysteme, die bis zu 960 Kanäle zur Informationsübermittlung übertrugen, zu erfassen und zu analysieren – um mündliche Kommunikation ging es dabei weniger.

Wenn aber doch Funkverkehr der Russen aufgefangen wurde, stellte dies eine Herausforderung für die Eloka dar. „Im Richtfunk war das schwierig, die Russen sprachen so, wie ihnen der Schnabel gewachsen war und die Sprache war vielfältig. Für einen Nicht-Muttersprachler war es fast unmöglich, alles zu verstehen, was dort kommuniziert wurde“, erinnert er sich. Beim Überwachen des Flugfunks hingegen gestaltete sich die Aufgabe leichter: „Die Piloten hielten sich an einen bestimmten Terminus, oft reichte ein Wort, um zu wissen, was passiert.“

Hin und wieder habe man auch personelle Sachverhalte mitbekommen, so zum Beispiel den Versuch zweier Soldaten der NVA, gleichzeitig Stasi-Angehörige, sich aus ihrer Einheit in der Wendezeit abzusetzen.

Einmal habe er im Frühjahr 1989 auf einer sowjetischen Richtfunklinie der dritten Stoßarmee deutsche Stimmen gehört. „Es war ein Oberst der NVA, der einen Besuch von Bundeswehroffizieren als Manöverbeauftragte ankündigte. Das war sensationell, es handelte sich erstmalig um einen solchen Besuch von Bundeswehroffizieren auf dem Truppenübungsplatz Klietz in Brandenburg. Es wurde angeordnet, dass man die Herrschaften aus der BRD dort besonders gut behandeln sollte, damit sie einen guten Eindruck bekommen.“

„Es ist vorbei“

„Als im Juli 1990 die Ergebnisse der Gespräche zwischen Michael Gorbatschow und Helmut Kohl bekanntwurden, sagte ein Kamerad bei der Schichtablösung: ,Ihr könnt zusammenpacken, es ist vorbei.‘ Bereits mit der Grenzöffnung war klar, dass unsere Tage im Fernmeldesektor C gezählt

waren.“

Volker Wille blieb bis zum Abzug des Militärs im Jahr 1992 auf dem Stöberhai stationiert. „Ursprünglich hieß es ja, dass die Fernmelde-Elektronische Aufklärung den Fokus auf die polnische Grenze rücken sollte. Zu der Zeit war ja noch gar nicht klar, dass es jemals ein vereinigtes Europa geben würde.“ Soweit kam es allerdings nie.

 

Einige der Geräte aus dem Turm kamen in ein Museum in einen Raum der ehemaligen

Grundschule/Kindergarten Wieda, wo sie heute noch zu besichtigen sind. Der Aufklärungsturm selbst wurde am 23. September 2005 kontrolliert gesprengt. „Und das Interesse der Öffentlichkeit an der Fernmelde-Elektronischen Aufklärung dort scheint nicht mehr gegeben.“

Im Rahmen verschiedener Lesungen des Regional-Krimi-Autors Roland Lange zu seinem neuesten Werk „Stöberhai“, zu dem er dem Autoren die Idee geliefert hatte und in dem der Aufklärungsturm eine zentrale Rolle spielt, habe Volker Wille im Anschluss dem Publikum Informationen zur Arbeit des Stöberhai gegeben und stand für Fragen zur Verfügung. „Allerdings gab es kaum Fragen“,

zeigt er sich insbesondere vor dem Hintergrund des negativen Bildes, das viele vom Stöberhai

haben, enttäuscht.


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Veröffentlicht
10:54:02 22.10.2016
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