Schicksal eines Wolgadeutschen Jakob Moosmann

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Jakob Mossmann - Das Schicksal eines Wolgadeutschen, der in drei Armeen gedient hat
Jakob Mossmann wurde am 17.08.1920 als Sohn der Eltern Jakob und Salomea Moosmann in Degott im Kanton Grimm in der Wolgadeutschen Republik geboren. Der Vater war Landwirt mit 14 Hektar Land.
Die Landschaft war durch die Wolga geprägt. Links der Wolga war die Bergseite und rechts die Wiesenseite. Das Dorf Degott lag auf der Bergseite auf einer Anhöhe, umgeben von Schluchten und Wasserlauf. Das Haus der Moosmanns war aus Feldsteinen und Lehm erbaut.
Die Vorfahren der Moosmanns folgten dem Ruf der Zarin Katharina II. und wanderten in den Jahren 1763-1767 von Hessen, Schwaben und der Pfalz nach Russland an die Wolga aus. Die Zarin stammte aus dem deutschen Fürstenhaus Anhalt-Zerbst. In die Geschichte ging sie als Katharina die Große ein.
Die Kinder – Jakob und seine Schwestern – haben die Eltern mit „Sie“ und nicht mit „Du“ angesprochen. Die Eltern waren ihrem römisch-katholischen Glauben sehr verbunden und haben die Kinder entsprechend erzogen. Vor und nach jeder Mahlzeit wurde gebetet.
Die Stimmung der Bevölkerung in Degott war Anfang der 1930er sehr traurig. Es herrschte große Hungersnot. Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre sind ca. 54.000 Wolgadeutsche verhungert. Im Rahmen der sogenannten „Kollektivierung“ wurde das Vermögen (auch Vieh und Inventar) enteignet und das kirchliche Gemeindeleben war völlig erloschen. Dies überwachten zwei Agigatoren (Kommunisten aus Deutschland). Bereits 1929 wurden vier Großbauern überwacht und von der NKWD abgeholt; auch von ihnen hat man nie wieder etwas gehört.
1941 wurden alle Einwohner des Dorfes Degott, dabei auch die Schwester Sina mit zwei Kindern unter Aufsicht des NKWD von der Roten Armee abtransportiert – mit 36 kg Gepäck pro Person. Haus und Hof blieben zurück,
1934, als Jakob Moosmann14 Jahre alt war, wurde sein Vater durch einen Freund vor seiner Verhaftung gewarnt. Die Eltern mit fünf Kindern haben in der Nacht Haus und Hof verlassen. Sie gingen Richtung Wolga. Von dort per Schiff Richtung Norden bis in das Städtchen Tschistopol (ein Verbannungsort für politisch Gefangene der UdSSR). Keine Unterkunft. Sie lebten im Wald. Nach Wochen trafen sie in Stalingrad ein. Hier starben die Mutter und Schwester Aurelia im Krankenhaus. Schwester Maria (16 Jahre) war angeblich aus dem Krankenhaus entlassen worden, wurde aber nie mehr aufgefunden, vermutlich auch verstorben. Im Bahnhof Stalingrad erfuhren Jakob und Schwester Amalia, dass der Vater nach Schwester Flora suchte und von einem Zug überfahren worden sei.
Jakob und Amalia kamen in ein Waisenhaus, der russischen Sprache nicht mächtig. Hier lebten verwahrloste Kinder verschiedener Nationen. Später wurden die Beiden in ein deutsches Waisenhaus nach Engels, dann nach Frank, einer Kreisstadt verlegt. Nach geraumer Zeit erfuhr die ältere Schwester Sina vom Aufenthalt der Geschwister und nahm sie zu sich.
Soldat in der russischen Armee
Auch die Wolgadeutschen wurden in die russische Armee einberufen. Jakob Moosmann wurde im September 1940 Soldat im 628. Schützenregiment. Die Ausbildung war hart, die Unterbringung sehr primitiv. Der Dienst ging täglich von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr. Während der Grundausbildung wurde auch Gleich- und Paradeschritt geübt. Nach 3 Monaten wurde Grundausbildung wurde Moosmann in die Schule für Unteroffiziere eingeteilt. Wegen fehlender russischer Sprachkenntnisse wurde er der Wirtschafts- und Versorgungskompanie zugeteilt. Er hatte u.a. das Pferd des stellvertretenden Regimentskommandeurs zu pflegen. Mit Beginn des Krieges wurde das Regiment nach Westen in die Stadt Newel verlegt. Vom Ausladebahnhof marschierten die Kompanien in die umgebenden Wälder. Alle Deutschen mussten die Gewehre abgeben. Nur Moosmann durfte bei seinem Zugführer bleiben. – Die deutsche Armee hatte bereits die russische Front durchbrochen. Der Regimentskommandeur war gefallen, die Soldaten waren führerlos und irrten im Wald umher. Ca. 150 russische Soldaten schlossen sich ihrem Kameraden Moosmann an. Schließlich nach 1-2 Wochen Umherirrens wurden sie im Juli 1941 von deutschen Truppen gefangen genommen.
Soldat in der Wehrmacht
Im Juli 1941 wurde Moosmann Angehöriger der Deutschen Wehrmacht. Sein Truppenteil war das Bataillon B 23 und der Stab 68 z.b.V. Er wurde als Dolmetscher eingeteilt. Im Dezember 1942 wurde Moosmann zum Unteroffizier befördert, im Juni 1944 beim Nachschub-Bataillon 5/548 zum Feldwebel. Im Herbst 1944 wurde seine Kompanie an der Westfront im Raum Aachen eingesetzt. Diese Truppe wurde anschließend unter feindlichen Luftangriffen nach Schleswig-Holstein verlegt, wo sie 1945 in englische Kriegsgefangenschaft geriet. Die Gefangenen wurden zum Ernteeinsatz eingeteilt.
Feldwebel Moosmann wurde mit der Ostmedaille / Winterschlacht im Osten 1941/42, dem Tapferkeits- und Verdienstabzeichen in Silber und mit dem Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet.
Zivilleben
Im Juni 1945 wurde Jakob Moosmann in Eutin entlassen. Da Wolgadeutsche keine Heimat hatten, gelangte er in die Gemeinde Glühsing / Hohenwestedt und fand Arbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Hier lernte er seine spätere Frau Gertrud Zemke kennen.
Im Zuge der Umsiedlungsaktion von Flüchtlingen aus Schleswig-Holstein in andere Bundeländer wurde seine Familie – inzwischen war Sohn Frank geboren – im Juni 1951 nach Freiburg im Breisgau umgesiedelt. Dort war er in einer Speditionsfirma und der Bundespost tätig.
Soldat in der Bundeswehr
Nach Aufstellung der Bundeswehr bewarb er sich als Berufssoldat. Am 01.03.1959 wurde er als Feldwebel zur Luftwaffe – zum Fernmelde-Regiment 71, Fernmelde-Sektor C, Göttingen einberufen. 1961 wurde er zum Oberfeldwebel, 1967 zum Hauptfeldwebel befördert. Er schied am 01.01.1972 nach Erreichen der Altersgrenze aus der Bundeswehr aus. Mit Wirkung vom 01.01.1983 wurde er auf Grund eines Ministererlasses als Stabsfeldwebel a.D. eingestuft.
Am 17. August 2010 wurde Jakob Moosmann 90 Jahre alt. Er lebt seit dem Tod seiner Ehefrau Gertrud am 03.12.2009 als Witwer allein in seiner Wohnung in Göttingen und wird von seiner Familie betreut. Danach ging er in das Senioren- und Pflegezentrum Luisenhof in Göttingen, wo er nach Auskunft am 17.08.2016 verstarb. Das Alleinsein bewirkte, dass er sich oft an die schicksalhaften Jahre seines Lebens erinnerte. Zu seinen alten Bundeswehrkameraden pflegte er den Kontakt. Sie schätzen seine gradlinige, aufrichtige Haltung und seine Hilfsbereitschaft.
Quelle: Zwölfer-Bund, Kameradschaft ehem. 12er-467er-27er IR 12 Grenadier-Regiment 12 u. 467, Weihnachtsheft 2010, Mitteilungsheft Nr. 119 (abgeschrieben von Karl Müller, Delmenhorst, am 19.09.2017)



Jakob Moosmann
am 21. Mai 2011 in Wieda zu Besuch bei „25 Jahre Patenschaft Gemeinde Wieda – Fernmeldesektor C

Anmerkung - Karl Müller:
Nach 2011 habe ich mit Jakob Moosmann noch telefoniert. Er war sehr an meiner Arbeit mit dem Soldatenfriedhof in meinem Heimatdorf in Schlesien interessiert
(siehe http://www.denkmalprojekt.org/d_ost_gebiete/duerr-arnsdorf_wk2_os.htm   http://www.denkmalprojekt.org/2009/duerr-arnsdorf_wk1_os.htm )
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Veröffentlicht
10:56:52 01.10.2017
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